27.10.2021
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Chronikauszug des Jahres 1921

Die folgenden Blätter stellen einen Auszug aus der Boker Chronik (Chronik Boke II) des Jahres 1921 dar.
Bei der Übertragung der Originalschriften in die heutige Druckschrift wurde die Struktur der Chronik möglichst beibehalten.
Eine Seite des handschriftlichen Originals entspricht somit auch einer Seite in der Übertragung.
Auch die Interpunktion und die Orthographie des Originals wurde ohne Korrektur übernommen.
Was so alles in dem Jahr 1921 passierte, können Sie in dem folgenden Chronikauszug nachlesen.

Das Jahr begann mit einem Hochwasser der Lippe und Wahlen zum Preußischen Landtag, Provinziallandtag und Kreistag.
In dem Jahr wurde das Schützenwesen in Boke wiederbelebt. Die Schützen begleiteten wieder das Allerheiligste bei Prozessionen und der Verein bemüht sich als kirchllicher Verein eingetragen zu werden.
Ein besonderes Augenmerk fällt in diesem Jahr auf das 700-jährige Jubiläum der Schützenbruderschaft bei dem ein historischer Festzug für Aufsehen sorgte.
Für eine im Krieg abgelieferte Glocke wurde eine Neue gegossen und auf den Namen „Mutter Anna“ getauft.
Zum Ende des Jahres musten sich die Menschen mit einer Geldentwertung auseinandersetzen.
Eine besondere Rolle spielte für das landwirtschaftlich geprägte Dorf das Wetter, über welches ausführlich berichtet wurde.


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Chronik für das Jahr            Das Jahr 1921 steht noch unter den Versailer
     1921.                                  Friedensvertragsbedin[gun]gen. Deutschland wird noch
                                                 nichts milder behandelt und die Feinde suchen noch
                                                 immer mehr zu erpressen. – Im Monat Januar
                                                 war anfangs die Luft milde und regnerisch.
                                                 Erst am 14 Januar zeichte sich erst der erste Schnee
                                                 und darauf kam der erste Frost. Am 18 auf den
                                                 19. Januar war hier ein sehr schweres Gewitter
                                                 mit orkanähnlichem Sturm und Regen. Letzterer
                                                 hielt sogar mehrere Tage an, bis am 25. ds.
                                                 Mts. die Lippe aus ihren Ufern trat und
                                                 die ganze Gegend unter Wasser setzte.
                                                 Anfangs Februar hielt der hohe Wasserstand
                                                 an und ging erst nach milderer Luft und
                                                 heiteres Wetter wieder zurück. Am 20. Februar
                                                 fanden die Wahlen zum Preußischen
                                                 Landtage, zum Provinziallan[d]tag und zum
                                                 Kreistage statt. Von 537 Wahlberechtigten
                                                 haben 513 von ihrem Wahlrechte gebrauch
                                                 gemacht. Zum Preußischen Landtage wurden
                                                 für die Zentrumspartei 466 Stimmen abge=
                                                 geben. Deutsche Volkspartei 6 Stimmen. s.P.D. 18

 


14

Chr.Soz.V.P. 1. D.N.V.P. 1. Ungültig waren 22 Stimmen
Abgegeben waren 513 Stimmen
Für den Provinziallan[d]tag = Für das Zentrum
493 Stimmen s.P.D. 7 St. D.V.P. 1 St
Leere Zettel waren 7. – Für den Kreistag
wurden abgegeben für das Zentrum 232 St.
Für die Gewerksch.        247 Stimmen.
  „      „   Gewerksb.            20        „        s.P.D. 7 St.
Ende dieses Monats Februar war schönes
helles Wetter.
Im Monat März war trockenes Wetter
vorherrschend, also wenig Feuchtigkeit den
ganzen Monat.
Im April wurde der seitherige Kaplan
Herr Joseph Pieper von hier versetzt nach
Hamm in Westfalen als Dritter Kaplan
an der St. Agnespfarre.
Betreffs der Witterung hielt die Trockenheit
bis Mitte April fort. Von 15 April kam
Regen und auch verschiedenlich Schneegestöber.
Anfangs Mai stellte sich wieder Trockenheit
ein, die bis über die Hälfte des Monats
                                                                                                      


15

anhielt. Dann kamen einzelne Regenschauer.
Im Monat Mai wurde auch wieder die Kaplanei=
stelle wieder besetzt und zwar durch den Herrn
Kaplan Heinrich Inkmann, gebürtig aus Gelsen=
kirchen. Derselbe wirkte bisher als Kaplan in
der Diaspora in Eisleben in der Provinz Sachsen.
Am 11. Mai ist der Herr hier eingetroffen.
Am Freitag den 3 Juni Nachts auf den Samstag den
4 Juni waren hier mehrere schwere Gewitter. Der
Blitz schlug in das Wohnhaus des Landwirts Hermann
Köthenbürger zu Untereichen ein. Der Blitz zün=
dete und setzte das Haus in Flammen. Der starke
Regen und durch rasches Eingreifen der Nachbarn
wurde der Brand bald gelöscht. Vieh und Men=
schenleben ist zum Glück nicht zu beklagen gewe=
sen. Am 21. Juni sollte der Neubau des H[e]r=
mann Köthenbürger errichtet werden. Der
Kamin von dem alten Hause war stehen
geblieben. Derselbe fiel nun bei dem Haus=
heben ein und traf dem Nachbar Landwirt
Wilhelm Pottmeier so unglücklich, daß ihm ein
Bein zweimal gebrochen und dasandere Bein


16

noch teilweise gequetzt worden ist.
Der hiesige Schützenverein hatte in einer
Versammlung in Anregung gebracht, doch
auch bei den Prozessionen das Allerheiligste zu be=
gleiten.245 In der darauf folgenden Versammlung
wurde nach Besprechung mit dem Herrn Pfarrer
Dr. Schnitz diese Anregung in die Tat umge=
setzt. Bei der diesjahrigen Fronleichnamspro=
zession am 26. Mai gingen dann die Schützen
in Corpora mit der Prozession. Ebenso auch
am Sonntag des 19 Juni am Feste unseres Kir=
chenpatrons des hl. La[n]delinus (die Schützen mit
der Prozession zur Begleitung des Allerheilig=
sten u.s.f.) – Am Feste Peter und Paul fand
fand das Schießen um die Königswürde statt.
Die Königswürde errang durch den be=
sten Schuß der Herr Landwirt Joseph Bureik
Untereichen. Dieser erwählte sich als Kö=
nigin die Frau des Schützenobersten H des
Herrn Gutsbesitzers Joseph Schulte zu
Untereichen, welche die Wahl annahm.
In diesem Monate wurde auch der erste Grasschnitt

__________________________
245 Kößmeier, S. 33: „Die Wiederbelebung des Schützenwesens erfolgte in Boke 1921. Nach fast hundertjähriger Unterbrechung begleiteten die Schützen wieder Prozessionen und bemühten sich um eine Eintragung als kirchlicher Verein. Offensichtlich hatten die entbehrungsreichen Kriegs- und Nachkriegsjahre des Ersten Weltkrieges einen Nachholbedarf am Feiern ausgelöst. Das Fest im Aufschwungsjahr 1921 sollte in Boke ein prägendes Ereignis werden.“ Vgl. dazu die Schilderung des „Jubelschützenfestes“ mit historischem Umzug im August desselben Jahres (Chronik II, S. 19 ff.).


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am Kanale verkauft und zwar sehr teuer pro Morgen
im Durchschnitt über 300 Mark.246

[Wechsel der Handschrift]
Im Juli wurde die Heuernte, welche
schon Ende des vorigen Monats begonnen hatte
vollendet. Der Ertrag war wegen der
großen Dürre weit unter einer Mittel=
ernte; jedoch war die Qualität wegen
des guten Erntewetters eine recht gute.
Am 23 Juli erhielt der etwa 75jährige
Hauptlehrer a. D. Friedrich Sarrazin
einen Schlaganfall, welcher schwere ge=
sundheitliche Störungen im Gefolge hatte.
Die Roggenernte mit der Ende d. Mts. begon=
nen wurde war eine sehr gute, wie
sie lange nicht zu verzeichnen war.
Während des ganzen Monats herrschte fast

                                                                         immer

__________________________
246 In der Chronik folgen nach dieser Eintragung 6 Leerzeilen. Im Anschluß wird der Chroniktext dann in einer anderen Handschrift fortgeführt; vgl. dazu auch die Anmerkungen zum 6. u. 7. Schreiber der Chronik.


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immer eine große Hitze und Trockenheit,
ähnlich wie in den Jahren 1893 u. 1911.
Einige kleine Niederschläge und Gewitter
brachten nicht genügend Feuchtigkeit, sodaß die
Garten= und Feldfrüchte nahe daran waren
zu vertrocknen.
Im Anfange des Monats August wurde die
Roggenernte beendet. Darauf folgte anschließend
sofort die Weizen= und Haferernte. Während
der Weizen noch einen mittleren Ertrag lie=
ferte, war der Hafer infolge der großen
großen Trockenheit besonders auf den höheren
Sandboden schlecht, auf nidrigen und tief=
gründigen Boden aber noch zufriedenstellend.
Am 5ten d. Mts. traf unsere neue Glocke,
welche an Stelle der im Kriege abgelieferten
angeschafft war, hier ein. Sie erhielt bei der
Taufe den Namen „Mutter Anna“ und ist mit
einem zeitgemäßen Spruche versehen. Dieselbe
wurde von der Firma Pädit u Edelbrock
in Gescher geliefert und kostete über
18000,- M


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Am 14 u. 15 August wurde in Boke das
700jährige Jubelschützenfest, verbunden mit
einem Heimatfeste gefeiert. Zur Hebung des
so seltenen Festes wurde am Sonntag dem
14 Aug. ein großer historischer Festzug veranstaltet,
worin historische Gruppen aus der Geschichte
von Boke und des Schützenvereins vorgeführt
wurden.247 Es wurden folgende 12 Gruppen vorgeführt.
1. Eine Gruppe alter Germanen, unsere Vorfahren
    aus dem Stamm der Bruckterer248 zu Pferde
    und zwei germanischen Kinder zu Fuß
    zur Zeit der Hermannsschlacht. I. J. 9 n. Chr.
2. Karl der Große in Begleitung zweier Sach=
    senedlen, im Gefolge zwei seiner Soldaten,
    alle zu Pferde i. J. 775. nach der Erstürmung
    der alten Feste Ringboke.
3. Eine Gruppe Bogenschützen zu Fuß aus
    dem 13 Jahrhunderte.
4. Der Boker Gaurichter und Inhaber
    anderer hoher Aemter, Philipp von
    Hörde249 verurteilt zwei Angeklagte
    i. J. 1484. Bei ihm steht sein Diener

                                                                und

 __________________________
247 Zur Geschichte des Boker Schützenwesens vgl. Fußnote Nr. 149 in Chronik I.
248 Großes Handlexikon, S. 164: „Brukterer, germ. Volksstamm, um Christi Geburt zwischen mittlerer Ems u. oberer Lippe ansässig; erschien um 100 n. Chr. am Rhein u. ging später in den Franken auf.“
249 Tönsmeyer, S. 98 ff: „Ritter Philipp von Hörde ist der hervorragendste Vertreter des Adelsgeschlechtes von Hörde. Er scheint um 1455 geboren zu sein und vermählte sich 1472 mit Anna von Nesselrode. Unter seiner tatkräftigen Regierung erreichte die Grafschaft Boke ihre größte Ausdehnung und Bedeutung (...) Außer diesem reichen, ausgedehnten Grundbesitz sind die vielen Ämter und Titel ... ein Beweis für seine einflußreiche Stellung (...) Bald erscheint er als Landdroste des Stiftes Paderborn und steigt zur Würde eines Marschalls von Westfalen auf. Sogar der deutsche Kaiser Maximilian ... nimmt ihn durch Urkunde ... zu seinem Diener an, so daß er in Zukunft kaiserliche Kleider und Livreen tragen darf (...) Aber Ritter Philipp war nicht nur ein hochangesehener Landedelmann und fähiger Landesbeamter, sondern auch ein gerader, aufrichtiger, der Kirche treu ergebener Charakter (...) Ein deutlicher Beweis für seinen frommen Sinn ist seine Pilgerfahrt zum heiligen Land, von wo er die berühmte Kreuzpartikel mitbrachte (...) Nach dem Tode seiner Gemahlin ... faßte Philipp von Hörde den Entschluß, Priester zu werden (...) Er wurde bald Domherr zu Münster, und schon 1502 wählte man ihn zum Dompropst daselbst ... Nach dem Memorienbuch des Doms zu Münster ist Dompropst Philipp von Hörde dort am 28. Juli 1510 gestorben.“


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    und zwei seiner Soldaten folgen dieser
    fahrenden Gruppe.
5. Der Raubritter Fridrich von Padberg250
    kehrt mit seinen Leuten von einen
    Raubzuge heim.
6. Die Schützen verteidigen im 30-jährigen
    Kriege die Boker Burg i. J. 1646
    Oben im Turm, welcher mit einem
    Ochsengespanne gefahren wurde befand
    sich der Turmwart.
7. Der in Boke wohnende Werbeoffizier Schwan,
    auch der Schwanenritter genannt, läßt einen
    von seiner Herde weggeraubten Schäfer
    entführen um ihn der Riesengarde des
    Königs Fridrich Wilhelm I zuzuführen i. J. 1725.
    Voraus ging der Trommler mit der Werbe=
    trommel, darauf ein Soldat mit den Schäfer,
    am Schlusse folgten der Schwan beritten nach.251
8. Eine Gruppe Schützen mit der alten Fahne
    aus dem Jahre 1800.
9. Der alte Blücher kommt als Anführer
     seiner Truppen im Jahre 1814 über

                                                                     Boke

__________________________
250 Tönsmeyer, S. 40: „In der Lippegegend waren auch die Grafen von Padberg ansässig, die durch Heirat auch im Boker Raum Fuß faßten. Diese Herren von Padberg, benannt nach dem Dorfe gleichen Namens bei Marsberg, waren später als Raubritter und Wegelagerer im Paderborner Lande berüchtigt“
251 Ebd. S. 489: „Da bleiben wir ... der alten Volksüberlieferung treu, die über das Leben des Schwanenritters keine Einzelheiten mehr zu geben vermag, dafür aber seine listigen Streiche, Untaten und Verbrechen in verschiedenen Sagen getreulich festgehalten hat. Sie setzt als bekannt voraus, daß der Schwan jener berüchtigte Werbeoffizier war, der dem Soldatenkönig für sein Leibregiment die langen Kerls lieferte, die er nach reichlicher Bewirtung in ihrer Trunkenheit unterschreiben oder durch alle Arten von List und Gewalt einfangen ließ, um sie in des Königs Riesengarde zu Potsdam einzureihen. Nach dem damals üblichen Kantonierungssystem war ihm das Fürstbistum Paderborn und darin vor allem das Gebiet an Ems und Lippe als Aushebungsbezirk zugewiesen. Daß der Schwan oder Schwanwert, wie er auch genannt wird in dem geschichtlich bedeutenden Lippedorf geboren und dort Inhaber des weit und breit bekannten Schwanenkruges gewesen sein soll, wird vom Volksmund nicht bestätigt. Jeder aber weiß zu erzählen, daß der Werber Schwan in diesem alten Dorfkruge sein Standquartier aufgeschlagen hatte und dort im Sinne seines unsauberen Handwerkes des Menschenraubes mit seinen Genossen große Zechgelage zu veranstalten pflegte.“ Zum Motiv des Schäfers und weiterer Sagen aus dem Umfeld des Schwanenritters vgl. ebd., S. 488 – 492.


21

      Boke. Neben ihm ritt sein Adjudant, darauf
      folgten vier schill’sche Offiziere.
10. König Fridrich Wilhelm IV als Kronprinz auf
      dem Wege zum Besuche des Pfarrer Kunders
      in Boke i. J. 1825. Neben dem Kronprinzen
      ritt sein Adjudant, in einer Begleitung
      befinden sich noch zwei Soldaten, davon einer
      mit der Kronprinzenstandarte.252
11. Eine Gruppe Schützen zu Fuß i. J. 1840.
12. Der letzte Boker Amtmann, Graf Meerveldt,
       bei der Übersiedlung von Boke nach Salz=
       kotten i. J. 1859.253
Alle hierbei mitwirkenden Personen waren
durchweg Leute aus der hiesigen Gemeinde
und mit historischen Kostümen entsprechend
bekleidet, welche von der Firma Martin
Filter Paderborn leihweise geliefert wurden. Das Königs=
paar fuhr im eleganten Landauer vierspännig.
Ihm folgten die 8 Hofdamen zu je 4
ebenfalls in schön deckorierten Kutschwagen.
Nachdem der Festzug zuerst nach Kirchboke und
Untern-Eichen passirt hatte, formirte sich

                                                                        nach

__________________________
252 Vgl. dazu Fußnote Nr. 62 in Chronik I.
253 Tönsmeyer, S. 173 f.: „Als Nachfolger des Boker Amtmanns Neumann (1854 – 1857) übernahm Graf von Merveldt am 28. März 1857 das Lippeamt. Am 9. Mai 1859 wurde er als erster Leiter des neuen Doppelamtes mit Sitz in Salzkotten eingeführt (...) Die Einwohner des Lippeamtes Boke halten ihren letzten Amtmann noch heute in guter Erinnerung. Den Bokern schwebt noch das Bild vor Augen, wie der Graf hoch zu Roß oder meistens mit dem Zügel in der Hand in der Kutsche von seinem Gut in Heddinghausen über Boke nach Salzkotten fuhr. In derselben Weise sah man ihn häufig über Land fahren, um in den abgelegenen Dörfern des ausgedehnten Lippeamtes die Gemeinderatssitzungen zu leiten (...) Er starb am 9. April 1885 ...“


22

nach seiner Rückkehr auf Ringboke
wo sich der Festplatz befand, der Hauptfestzug,
wie ihn wohl Boke noch nie gesehen hat.
Voran ritten drei Herolde in gepanzerten
Kostümen. Hierauf folgten 30 schön deckorierte
Radfahrer, denen sich die inzwischen ein=
getroffenen 20 Schützenvereine aus den Nach=
bargemeinden und Städten mit ihren
Bannern anschlossen. Jetzt kam der Boker
Kriegerverein und der sich aus den vorhin
aufgezählten 12 Gruppen zusammen setzende
historische Festzug. Anschließend folgten die zahlreich
erschienen[en] Ehrengäste. Unter Ihnen befand
sich der c Landrat des Kreises Büren Herr
Dr. Vogels, der Amtmann der Aemter
Boke und Salzkotten, Herr Amtmann Darup254
Herr Vorsteher Tölle, Herr Pfarrer Dr. Schnitz,
Herr Kaplan Inkmann und Herr Haupt=
lehrer Kothe, letztere sämtlich von Boke
und viele andre mehr. Den Schluß
bildete der Jubelverein mit dem Hofstaate
und den alten Veteranen des Boker

                                                         Krieger

__________________________
254 Nach einer Aufstellung Tönsmeyers, S. 171, war Darup von 1918 – 1938 Amtmann des Doppelamtes Boke-Salzkotten (später unter der Bezeichnung Amt Salzkotten-Boke).


23

Krieger= und Schützenvereins. Das Ziel des Hauptfest=
zuges war Heitwinkel von wo er dann seinen
Weg zurück um den östlichen Teil der früheren
Festung Ringboke nahm.
Auf dem Festplatze wieder angekommen, hielt Herr
Pfarrer Dr. Schnitz die Festrede. Auch der c Landrat
Dr. Vogels und der Komandeur des Geseker
Schützenvereins, Herr Fabrikant Toholte richteten
warme Worte an den Jubelverein und die
Festversammlung. Das seltene Schauspiel eines
historischen Festzuges hatte eine ungeheuere
Menschenmenge her bei gelockt, dergleichen wohl
Boke noch nie gesehen hat. Zum Beispiel möge
dienen, daß einige Festteilnehmer ½ Stunde
warten mußten ehe sie eine Platzkarte
bekommen und das Thor zum Festplatze auf
der Amthauswiese passieren konnten. Zählt man
die große Menschenmenge mit, welche gleich
an den Landstraßen Aufstellung genommen
hatte, und gleich nachdem sie den historischen
Festzug gesehen hatte, wieder umkehrte, so
ist die schätzungsweise Zahl der Festteilnehmer

                                                                                       auf


24

auf zehntausend wohl nicht zu hoch berechnet.
Das ganze Fest nahm einen glänzenden
und harmonischen Verlauf und man hörte
nur Worte des Lobes und der Anerkennung
über die Veranstaltung, welche man nicht
von Boke erwartet hatte.
Die Witterung war im August bis Mitte
d. Mts. wieder sehr heiß und trocken, sodaß
die Wiesen und Weiden total verbrannt
waren. Auch die Kartoffeln, und die
Runkel= und Steckrüben, sowie auch das
Gemüse war dem verdorren nahe. Bis
einige Regentage gegen Mitte d. Mts.
alles etwas erquickte. Leider kam der
Regen nicht reichlich genug und nach eini=
gen Tagen litten sämtliche Pflanzen wieder
unter der großen Hitze und Dürre.
Auch das Vieh hatte unter der Trockenheit
viel zu leiden, weil Wiesen und Weiden total
verbrannt waren und nicht wieder ausschlagen
konnten.
Am 2 September fand innerhalb der alten

                                                                       Befest=


25

Befestigungswälle in Ringboke unter Aufsicht des
Altertumsforschers Professor Dr. Nebert eine Grabung
nach römischen Funden, Waffen, Scherben etc. statt.
Der Zweck der Ausgrabung war, Anhaltspunkte für
ein römisches Castell zu finden, welches sich
früher in Ringboke befunden haben soll. Unter
andern wurden auch sehr alte Scherben ge=
funden, welche sich aber später als germanische,
etwa aus der Zeit von 900 – 1000 herausstellten.
Die Größe der alten Festung Ringboke wurde
bei dieser Gelegenheit vom Herrn Professor Dr Nebert
Gütersloh auf etwa 10 ha. = 40 Morgen festge=
stellt. Am 12 d. Mts. verschied der im 75sten
Lebensjahr stehende Hauptlehrer a. D. Fridrich
Sarrazin.255 Von 1873 – 1912 war er Lehrer
in Boke. Zudem war er seit Gründung der
Boker Spar- und Darlehnskasse, welche im
Jahre 1899 erfolgte, Rendant derselben. Von der
großen Wertschätzung und Beliebtheit dessen
er sich in Boke erfreute, zeugte am 15
der große Leichenzug, worin die sterblichen
Überreste dieses pflichtreuen Mannes zu

                                                                          Grabe

__________________________
255 Vgl. dazu die Anmerkungen zum 6. Schreiber der Chronik..


26

Grabe getragen wurden
Die Witterung war wie in der Vor=
m[on]aten auch fast immer heiß und trocken.
Die Grummeternte war in der Boker
Heide sehr spärlich. Auf den Lippewiesen
konnte wegen der langen Dürre über=
haupt kein Grummet gemäht werden,
welches manchen Landwirt, wenn er
an die geringen Futtervorräte im kom=
menden Winter denkt, mit großer Sorge
erfüllt. Ende September stellten sich die
ersten Nachtfröste ein welche das Kartoffeln=
kraut zum absterben brachte.
In der ersten Hälfte des Monats Oktober
war die Kartoffelnernte, welche wohl noch
nie so trocken vollendet und eingebracht
wurde. Der Ertrag war sehr gering, sodaß
eine noch nie dagewesene Nachfrage nach
Kartoffeln herrschte. Am 10 Oktober weilte
der hochw. Herr Bischof Dr. Caspar Klein
hier, um das hl. Sakrament der Firmung
zu spenden. Am 24 d. Mts. wurde unserm

                                                                         hochw.


27

hochw. Herrn Kaplan Inkmann, nachdem er in
einer vorhergehenden Versammlung fast einstimmig
an Stelle des verstorbenen Hauptlehrers a. D. Fridrich
Sarrazin zum Rendanten gewählt war, die
Führung der Kassengeschäfte bei der hiesigen Spar-
und Da[r]lehnskasse übertragen. Ende d. Mts. wurde
die Starkstromleitung von Heitwinkel nach Verne,
woran man mit den Arbeiten im Juli begon=
nen hatte, vollendet. Die Witterung war im
Oktober anfangs einige Tage etwas regnerisch
dann aber bis über die Mitte hinaus noch sehr
heiß wie im Sommer. Die Zeitungen berichteten
daß es seit 1838 nicht mehr so warm in diesem
Monate gewesen sei. Gegen Ende d. Monats trat
jedoch ein Witterungsumschlag mit etwas
mehr Sturm und Regen ein.
Der Monat November brachte infolge der kürzlich
in Genf beschlossenen ungünstigen Teilung Oberschle=
siens für Deutschland, ein mächtiges sinken
unserer Valuta und damit eine ungeheuere
Teuerung in unserem Vaterlande. Zum
Beispiel möge dienen: Während für einen

                                                          amerikanischen


28

amerikanischen Dollar in Friedenszeit 4,25 –
4,50 M gezahlt wurden, kostete derselbe Anfangs
November an der Börse 310,- M deutsches Papier=
geld. Es hatten 3,- M in Papier noch den mini=
malen Wert von 4 Pfenigen in Metall.
Infolge dieser großen Geldentwertung gingen
die Lebensmittel und Waren sprunghaft in
die Höhe. Dieses wurde noch besonders dadurch
gesteigert das massenweise Ausländer nach
Deutschland kamen um Waren, welche für ihr
Geld noch billig waren, hinzu[zu]kaufen. Hinzu
kam noch, daß auch vermögende Leute im
Lande aus Ängstlichkeit unsinnige Massen=
käufe machten, um wie sie sagten für ihr
Geld das doch bald ganz wertlos sei, noch schnell
Waren zu kaufen. Die Witterung zu Anfang
d. Mts. stürmisch und regnerisch. Am 8ten fiel
der erste Schnee, welcher aber glücklicher Weise wieder
verschwand. Den 9ten setzte plötzlich ein starker
Frost ein, welcher ein schnelles ernten der
Runkeln= u. Steckrüben nötig machte. Leider
hatte die schon ohnehin schlechte Ernte schon

                                                                          großen


29

großen Schaden gelitten. Mit Ausnahme von einigen
gelinden Tagen um die Mitte des Monats hielt der
starke Frost bis Anfang Dezember an, sodaß alle Feld=
u. Bestellungsarbeiten ruhen mußten.
Am 1 Dezember fand die übliche Viehzählung statt, welche
ungefähr dasselbe Resultat wie im vorigen Jahre
hatte. Der starke Frost welcher sogar schon die
„Gunne“ mit einer dicken Eisdecke überzogen
hatte, hielt Anfangs d. Mts. noch an, bis etwa gegen
den 10 milde Witterung eintrat. Diese ermöglichte
dann endlich die noch rückständigen Bestellungs= u.
Feldarbeiten.
Im Jahr 1921 sind innerhalb der Gemeinde 12 Ehe=
schließungen, 35 Geburten und 14 Sterbefälle zu
verzeichnen gewesen.
Obwohl unsere Valuta etwas gestiegen war, hielt
doch die Teuerung auch in diesem Monate an.
Die Fruchtpreise stellten sich am Schlusse des Jahres
pro Zentn. wie folgt:
Weizen Umlagepreis     110,- M Berl. Börsenpreis   380,- 390,- M
Roggen              „             105,-  „              „                     310,- 320,-  „
Gerste                „              100,- „               „                     320,- 330,-  „


30

Einnahme und                           Hafer   Umlagepreis      95,- M Berl. Börsenpreis 295,- 305,- M
Ausgabe des                            Mais     -            -               -          -             -                 295,- 305,-  „
Etats 24 000 M.                         Kartoffeln          -               -          -             -                   60,-   80,-  „
Gemeinde =                             
steuern 1760 %                    

               Der Inhalt der Chronik wurde der
Gemeindevertretung mitgeteilt und zur
Unterschrift vorgelegt.

    Boke, den 5 Januar 1922.

Der Vorsteher:                 Die Gemeindevertretung:
Tölle                                  Köhnhorn
                                           Thiele
                                           Schulte
                                           Pottmeier.
                                           Schulte

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