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05.03.2024
Lippedorf Boke

Chronikauszug des Jahres 1924

Die folgenden Blätter stellen einen Auszug aus der Boker Chronik (Chronik Boke II) des Jahres 1924 dar.

Bei der Übertragung der Originalschriften in die heutige Druckschrift wurde die Struktur der Chronik möglichst beibehalten.
Eine Seite des handschriftlichen Originals entspricht somit auch einer Seite in der Übertragung.
Auch die Interpunktion und die Orthographie des Originals wurde ohne Korrektur übernommen.
Was so alles in dem Jahr 1924 passierte, können Sie in dem folgenden Chronikauszug nachlesen.


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1924

          Das Jahr 1924 begann mit einer
großen Geld= und Kreditnot. Infolge der Stabili=
sierung der Währung und weil vom Reiche
nur wenig wertbeständiges Geld heraus gegeben
wurde, waren alle Kassen und Taschen
leer. Es fehlte manchmal an dem Aller=
nötigsten. Hinzu kamen namentlich für
die Landwirtschaft die vielen Steuern,
welche unweigerlich bezahlt werden mußten.
          Der strenge Winter hielt in diesem
Monate, sowie auch den ganzen Februar
ja sogar bis Mitte März an. Ende März
wurde es einige Tage milder.
          Im April mußten neben den anderen
vielen Steuern von der Landwirtschaft auch
die Rentenbankzinsen bezahlt werden. Jede
Besitzung (mit Ausnahme der ganz kleinen)
war zur Sicherung der Rentenmark, welche
das Hauptzahlungsmittel bildete, mit einem
Viertel ihres Vermögenswertes belastet
worden worden; diese Grundschuld mußte

mit


60

mit 6 % jährlich verzinst werden, wovon
die erste Hälfte im April, die andere im
Oktober fällig war.
          Die Witterung war im April sehr schlecht.
In der ersten Hälfte waren es starke Nachtfröste und
gegen Ende d. M. die naßkalten Tage,
welche dem Wintergetreide großen Schaden
zufügten und die Frühjahrsbestellung verzöger=
ten. Die Grasnarbe auf Wiesen und Weiden
hatte derartig infolge des anhaltenden und strengen
Winters gelitten, sodaß Schafe und Gänse selbst am
Schlusse des Monats wenig oder gar kein Futter
draußen fanden.
          Am 4. Mai fanden die Wahlen zum
Reichstag, zur Amtsversammlung und der Gemein=
devertretung statt. Bei der Reichstagswahl
wurden in hiesiger Gemeinde abgegeben: für
das Centrum 434, für die Christlig soziale Partei
51, Deutschnationalen 18, Demokraten 4, Komu=
nisten 4, Häußerbund 1, Vereinigte sozialistische
Partei 1, Deutschsoziale Partei 2, Freiheitspartei
2 und für die Deutsche Volkspartei 3 Stimmen.

Als


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Als Amtsbeigeordnete[r] wurde der Landwirt
Josef Schulte wiedergewählt. Zu Gemeindeverordneten
wurden gewählt: 1. der Landwirt Josef Schulte,
2. der Landwirt Steph. Palsmeier, 3. der
Ackerer Steph. Jürgensmeier 4. der Ackerer
Franz Remmert sämtlich zu Untern-Eichen,
und 5. der Schreinermeister Gerh. Plahs Heitwin=
kel und 6. der Ackerer Heinr. Neiske daselbst.
Als Vorsteher wurde der bisherige Vorsteher Tölle
wiedergewählt.
          Die Witterung war in der ersten Hälfte
d. M. noch sehr naß und kalt, wurde aber in
der zweiten Hälfte sehr schön. Infolge des warmen
und schönen Wetters konnten sich fast vollständig
die Wintersaaten von den erlittenen Auswin=
terunsschäden erholen. Einzelne Felder worauf
man fast Anfangs Mai keine Saaten mehr
vorfinden konnte, standen schon Ende d. M. in
vollen Ähren. Auch das Vieh fand bald hin=
reichend Futter auf den Weiden.
          Der Juni war ebenfalls sehr schön,
Regen und warmer Sonnenschein wechselten

gut


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gut miteinander ab, sodaß sich auch das
Gemüse, das Sommergetreide und auch der
Graswuchs gut entwickeln konnten.
          Im Juli war die Heuernte,
welche sehr gute Erträge brachte. Das
Wetter ließ jedoch vieles zu wünschen
übrig, sodaß ein Teil des Heues ziem=
lich verdorben einkam. Der Preis für
den ersten Grasschnitt stellte sich namentlich
in der Boker Heide aufs doppelte des
Friedenspreises. Am 13ten d. M. war das
Königsschießen des Schützenvereins. Die
Königswürde errang der Schlosser Josef
Hahne, der sich Theresia Leiwesmeier No. 24
zur Königin erkor. Am Schlusse d. M. setzte
eine längere und heftige Regenperiode ein.
          Infolge des schlechten Wetters hatte sich
die Roggenernte bedeutend verzögert. Der meiste
Roggen wurde erst stark beschädigt und ohne
überhaupt trocken zu sein gegen Mitte August
eingebracht. Viele Fuhren standen sogar bis
in den September hinein. Sonst war der

Ertrag


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Ertrag zufriedenstellend. Am 17 u. 18 August fand
unter zahlreicher Beteiligung der Einwohnerschaft, sowie
auch der Umgebung das hiesige Schützenfest statt.
In diesem Monate wurde durch den Kirchenmaler
Biermann aus Delbrück das Turminnere unse=
rer Kirche schön bemalt. Gleichzeitig erhielt auch
die Kriegergedächtnistafel daselbst einen neuen
Platz. Ebenfalls wurde die eiserne Grabplatte,
ein Andenken an die früher hier ansäßig
gewesene Familie v. Hörde, an einen
Turmpfeiler angebracht, um dieses Altertum
vor Verfall zu schützen. Die Gesamtkosten
betrugen etwa 400,- M. Am Sonntag den 31ten
d. M. wurde die neue Fahne der Jungfrauen-
Kongregration feierlich eingeweiht. Dieselbe
war von den Franziskanerinnen in
Salzkotten angefertigt und kostete 600,- M.
Ende August wurden auch die sog. Dawes=
gesetze,22 welche die auf einer vorher stattgefun=
denen Konferenz in London vereinbarten
deutschen Reparationszahlungen garantieren
sollten, im Reichstage angenommen.

Daraufhin

 _____________________________________
22 Chronik d. Menschheit, S. 898: „Großbritannien, 16.8.1924 (...) Die in London tagende
Reparationskommission verabschiedet den Plan des amerikanischen Finanzpolitikers Charles Gates Dawes, der
die vom Deutschen Reich zu leistenden Reparationszahlungen neu regelt. Außerdem wird den Deutschen zur
wirtschaftlichen Gesundung, die als Voraussetzung für die Zahlungsfähigkeit angesehen wird, ein Kredit in der
Höhe von 800 Millionen Goldmark gewährt (...) Neben der Neuregelung der Reparationszahlungen gelingt es
dem deutschen Außenminister Gustav Stresemann, sich mit seinem französischen Amtskollegen Edouard Herriot
über die Räumung des Ruhrgebiets zu einigen.“


64

Daraufhin wurde bald die Dormunder
Zone und einige andere deutsche Städte
geräumt und auch die Räumung des
Ruhrgebietes Etappenweise von unserem
früheren Feindbund in Aussicht gestellt. Auch
sonst traten wie vereinbart mehrere Erleichterun=
gen ein, u. A. durften die von den
Besatzungstruppen ausgewiesenen Deutschen
zurückkehren, die Gefangenen und Verurteilten
wurden entlassen bezw. begnadigt und die
Eisenbahn und beschlagnahmten Zechen und Fabricken
kamen wieder in deutsche Verwaltung. Auch
konnte von nun an jeder Mann ohne Paß
in das besetzte Gebiet ein= u. ausreisen.
          Am 3ten September trat infolge des
immer noch anhaltenden Regens die Lippe aus.
Die Sommerfrüchte standen fast alle noch
draußen. Der angerichtete Schaden war
sehr groß. Die von Wasser überschwemmten
Kartoffeln und Steckrüben waren vollständig
verdorben. Auch der Grummet war namentlich
auf den nidrigen Wiesen, wo sich der

Schlamm


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Schlamm abgelagert hatte, ganz verdorben.
Endlich trat gegen den 20 d. M. bessere Witterung
ein. Leider waren aber die Sommergetreide=
arten namentlich der Hafer total ausgewachsen
und 50 – 60 % verdorben. Auch konnte der Grummet
auf den höheren Wiesen einigermaßen trocken
eingebracht werden. Am 29ten d. M. konnte
unser ältester Einwohner der Landwirt Wilhelm
Palsmeier seinen 90ten Geburtstag in seltener
Rüstigkeit begehen.
          Im Oktober war die Kartoffelnernte,
welche sich vielfach bis zum Ende d. M. hinzog.
Der Ertrag wie auch das Wetter waren zufrie=
denstellend, nur litten die Knollen besonders
auf den Kleeboden sehr an Fäulniß. Der
Preis ab Hof stellte sich zunächst auf 4,25 M.,
um dann aber später bis auf 3,20 M abzuflauen.
Das Wetter war für die Bestellungsarbeiten
und der Hackfruchternte recht günstig und es
konnten viele Arbeiten mit denen die
Leute sehr zurück waren nachgeholt werden.
          In der Nacht vom 23 – 24ten Oktober

wurde


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wurde ein Einbruchsdiebstahl in der
Wirtschaft Kiffe verübt, wobei den Dieben
jedoch nur einen kleinen Teil Waren in die
Hände fiel.
          In diesem Jahre war Allerseelen auf
den 3ten November. Vor der Frühmesse war
ein so gewaltiger Sturm mit Regen, sodaß
die elecktrischen Leitungsdrähte beim Schäferhofe
und bei Kiffe zerrissen waren. Fußgänger
und Kutschwagen kamen vielfach den
mit elektr. Energie geladenen Drahtenden
und Masten zu nahe, kamen aber glückli=
cherweise mit den Schrecken davon. Am
10 Nov. erwarb die Gemeinde von Bernhard
Schäfermeier (jetzt in Ferne) 2½ Morg. Land,
welches als Fest= und Marktplatz Verwendung
finden soll. Der Preis betrug pro Morg.23
In diesem Monate wurde auch die Goldwährung
wieder eingeführt und anstelle der Renten=
mark und anderes noch auf Milliarden
lautendes Papiergeld, kam immer mehr
das neue Reichsgeld in Papier und Metall
in den Verkehr.

Infolge

________________________________________
23 Der Preis wurde vom Chronisten nicht nachgetragen.


67

Infolge der mit radikalen Mitteln durchgeführten
Stabilisierungsmaßnahmen zum besten unserer Währung,
Währungsmaßnahmen | hatte sich im Laufe des
Jahres die Finanzlage des Reiches, wie auch
der Gemeinden immer mehr gebessert. Aus
diesem Grunde hatte sich auch die wirtschaftliche
Lage etwas gehoben, zumal nun bald wieder
Handelsverträge mit uns früher feindlich gesinn=
ten Staaten abgeschlossen werden konnten.
Gegen Mitte des Monats traten kurze Zeit
Nachtfröste ein. Da aber nach dem ersten
Schneefall am 19. sogleich wieder Tauwetter
eintrat, war der ganze Monat zum Weidegang
für das Vieh, sowie zur Herbstbestellung
wegen seiner Trockenheit sehr günstig.
Die Martini Marktpreise stellten sich an
der Berliner Börse wie folgt:
Weizen                   - - - 10,90 – 11,35 M. pr. Zentn.
Roggen                  - - - 10,90 – 11,35 „   „    „
Hafer                       - - - 8,50 –   9,10 „   „    „
Gerste (zu Futterzw.)       9,75 – 10,50  „   „    „
Am 1 Dezember fand eine allgemeine
Viehzählung statt. Innerhalb der Gemeinde

Boke


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Boke wurden gezählt: 138 Pferde, 652 St.
Rindvieh, 174 Schafe, 647 Schweine, 13 Ziegen
2044 St. Geflügel. Weil der Reichstag
und Landtag vor einiger Zeit aufgelößt
waren fanden am 7 Dez. die Reichstags= und
Landtagswahlen statt. In unserer Gemeinde
wurden bei bei der Reichstagswahl folgen=
de Stimmen abgegeben; für das Zentrum
455, Deutschnationale Volkspartei 14, Aufwertungs=
partei 14, Volkspartei 2, Sozialdemokratische Partei
4, Polenpartei 1, Komunisten 2, Christlich soziale
Partei 8, Demokraten 1, und ungültig waren
4 Stimmen. Bei der Landtagswahl war das
Ergebnis folgendes; Zentrum 466, Deutschnationalen
13, Volkspartei 4, Sozialdemokraten 4, Komunisten
4, Christlich soziale 7, Demokraten 2 und ungültig
5 Stimmen. Am 8 d. M. wurde hier zur Hebung
der Geflügelzucht ein Geflügelzuchtverein
gegründet. Den 14 d. M. traf der Landjäger
Behsler aus Thüle in der Boker Heide
mehrere Leute beim Kaninchen fangen.
Als er 2 Mann bereits gestellt hatte, versuchte

der


69

der Dritte, ein junger Bursche von Lipperode,
sich durch die Flucht zu entziehen. Als er auf den
Anruf des Landjägers nicht stehen blieb, sandte
ihn dieser mehrere Schüsse aus seinen Revolver
nach. Da dieses nicht zum Ziele führte, streckte
er den Flüchtling kurzerhand mit einem
Karabiner nieder. Da die Kugel nebst den
Oberschenkel auch die Schlagader getroffen hatte,
kostete es viele Mühe ihn am Leben zu erhal=
ten. Die Erregung über diesen Vorfall war
hier und in der ganzen Umgebung sehr groß.
Am 15 d. M. wurde dem Landwirt Joh. Berkes,
gen. Koch, vor dem Schwanenkruge ein Fahrrad
gestohlen. Infolge der vielen Ernteschäden, welche
die schlechte Witterung mit sich gebracht hatte,
wurden viele Kreise der Provinz Westfalen
als Notgebiet erklärt. Diese Gebiete genossen
dann bedeutende Steuer[er]leichterungen. Auch der
Kreis Büren wurde als Notgebiet erklärt,
jedoch war das Amt Boke, die Stadt
Salzkotten und auch das Amt Salzkotten mit
Ausnahme von Ober= und Niederntudorf hiervon

ausgeschlossen


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ausgeschlossen, was im Lippegebiete, wo
doch auch noch das Hochwasser großen Schaden
angerichtet hatte, großen Unwillen erregte.
Das Wetter war im Dez. ungemein milde,
sodaß man bis zum Schlusse des Jahres ab und
zu noch Rindvieh auf der Weide fand.
          In der Gemeinde Boke waren in
diesem Jahre 28 Geburten 10 Sterbefälle
und 4 Eheschließungen zu verzeichnen.

Der Haushaltsplan
stellte sich am Jahres=
schlusse
in Einnahme und Aus=
gabe auf 20 100,- M
Im verfl. Jahre wurden
180 % Gemeindesteuerzu=
schläge erhoben.

 |        Der Inhalt der Chronik wurde
der Gemeindevertretung mitgeteilt und
zur Unterschrift vorgelegt. Boke, 8.1.1925.

Der Vorsteher: Die Gemeindevertretung.
Tölle Schulte
  Pahlsmeier
  Plahs
  Hennemeier
  Jürgensmeier
  Neiske

 

 

 

 

 

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